Lackieren, ja das tue ich jeden Tag, von morgens 9 bis abends 18, 20 Uhr, früher auch schon mehr, aber das ist weder so noch so vernünftig.
Es gab schon Zeiten, innerhalb der jetzt anderthalb Jahre Selbstständigkeit, da habe ich mich gefragt, ob es das jetzt ist, den Rest des Lebens lackieren. Ich fing an dem Sinn daran zu zweifeln. Innerlich wollte ich es wohl doch nicht so recht, bis ich merkte, dass das Unterbewußtsein eine enorme Macht hat. Verabschiedet man sich innerlich, aufrichtig, von etwas, dann entwickeln sich die äußeren Umstände so, dass diese Verabschiedung Realtität annimmt. Im jetzigen Fall war es nicht so gut, denn die Auftragslage nahm plötzlich ab und wenn das Geld knapp wird, besinnt man sich schnell eines Besseren.
Es wurde sogar sehr sehr knapp und dann stand nur noch die Frage im Raum “Hopp oder Top”, mit fliegenden Fahnen untergehn, nur schwer wieder aufstehn oder durchbeißen und akzeptieren was notwendig ist, um dann wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Letzteres war dann die Entscheidung. Und man glaubt es kaum, aber die äußeren Umstände haben sich dem wohlwollend angepasst.
So war es auch in meinem vorherigen Job. Fast 5 Jahre habe ich Häuser verkauft, Neubauten. Ca. 3000 Kundengespräche habe ich dabei geführt. In jedem Gespräch das gleiche Muster an Fragen und Antworten durchgeführt. Ca. 4 Millionen Umsatz habe ich dabei für das damalige Unternehmen gemacht und ca. 200 Häuser “an den Mann” gebracht. Und dann war Schluß. Ich wollte und konnte nicht mehr. Immer ähnliches erzählen, den stetigen immer höhere werdenden Erfolgsanspruch des Unternehmens umsetzen und schlucken, das Wandeln von Mensch in Maschine akzeptieren. 5 Jahre eine 6 Tage Woche, immer mit Anzug und Krawatte. Es war aus. Die innere Flamme erloschen, der Willens-Akku leer. Das Unternehmen interessierte nicht was menschlich und was nicht mehr menschlich ist oder was ein Mensch vielleicht zum Wohlbefinden braucht, was letztendlich dem Unternehmen dann auch wieder zu Gute kommt.
Ob erfolgreich oder nicht, die Zange wurde immer enger gezogen, der Druck ohne Rücksicht auf Verluste, mit sinkendem Erfolg des Unternehmens, immer stärker.
Zum Schluß war ich dann das erste Mal in meinem Leben wegen Erschöpfung krank geschrieben. Und das Härteste…meine Ärztin wollte mich zunächst nicht krank schreiben, weil sie meinte ich könnte sonst meinen Job verlieren. Gerade wegen war ich ja nun erschöpft und brauchte eine dringende Pause.
Doch das ist Vergangenheit. Nun redet ich keine 6 Stunden am Tag mehr mit irgendwelchen Kunden. Seit fast anderthalb Jahren beschränkt sich das auf vielleicht 20 Minuten am Tag. Stille umgibt mich seit dem. Stille die mich zum Nachdenken gebracht hat. Stille, die mich wieder “gläubig” gemacht hat. Stille, die mir Ruhe und Erholung gibt. Stille, die so leise ist, dass ich auch die wieder höre, die ich fast 5 Jahre lang nicht mehr richtig gehört und somit auch nicht richtig verstanden habe, meine innere Stimme.
Und Bücher lese ich wieder, laß den Fernseher aus und lese.
5 Jahre lang saß ich mindestens 8 Stunden am Tag auf meinem Hintern. Was Beine können wußte ich gar nicht mehr. Nun stehe ich die selbe Zeit oder gehe spazieren, gehe Gassi, an die frische Luft, von der ich früher nur beim Einsteigen ins Auto und beim Aussteigen zum Gang ins Büro etwas mitbekommen habe.
Ist das Lebensqualität ? Wenn ja, hat sich mich viel Geld gekostet. Aber meine Seele wieder gesundet.
Morgen davon mehr ![]()