1980 beendete ich die Realschule. Meine erste große Liebe blieb zurück. Aber wer mich kennt weiß, dass ich niemals vorzeitig aufgebe. Da sie nun eine Lehre begann, trug sie leider auch keine Bravo mehr aus. Das übernahm ihre kleine Schwester. Aber ich erfuhr wo sie ihre Lehre begann und zwar bei einem Zahnarzt.
Jeden Tag kam ich dort vorbei, sitzend in einer Straßenbahn. Ein oder zweimal sogar stieg sie in die Bahn als ich ebenso drinnen saß. Doch ich Feigling gab mich nicht zu erkennen. Mein Herzschlag ging zwar bis zum Anschlag, aber meine Angst lähmte jeglichen mutigen Schritt auf sie zu. Ich quälte mich statt dessen immer wieder, in dem ich die Straßenbahn nahm, in die sie am ehesten einsteigen würde, nämlich zu der Zeit, zu der sie Feierabend hätte. Trotzdem ging ich keinen Zentimeter auf sie zu. Ich fuhr auch mit meiner Mofa bei ihr Zuhause vorbei in der Hoffnung ihr vielleicht begegnen zu können. Und ich schrieb jede Menge Briefe auf die es keine Antwort gab. Einmal, noch zur Realschulzeit brachte ich sogar den Mut auf sie zum Kino einzuladen. Sie sagte sogar zu und verbrachte mit mir den Abend. Ich glaube, sie hatte niemals zuvor und auch nicht danach so einen öden Kinoabend. Auf Hin-un Rückfahrt brachte ich im Bus kaum ein Wort heraus. Ich wollte dies und das sagen, aber heraus kam so gut wie nichts. Es war erbärmlich.
Die Monate vergingen, ein Kontakt kam nur noch einmal zustande und damit endete die Farce. Eines Tages klingelte es am helligten Tage und als ich aus dem Fenster sah, bemerkte ich sie mit eine Jungen an ihrer Seite. Als niemand öffnete trommelte er an die Haustür unseres Reihenhauses und rief davor laut nach mir.
Mir blieb nichts anderes übrig als zu öffnen und was mich dann traf war eine üble laute Sprechattacke seinerseits mit lauten Drohungen seine Freundin in Ruhe zu lassen, denn sie will ja nichts von mir. Und wenn ich es nicht täte… Naja den Rest kann man sich ersparen. Sie selber schaute mich nur an und sagte keinen Ton. Als ich die Tür wieder schloß stellte mir niemand peinliche Fragen. Das rechnete ich meinen Eltern hoch an. Sie wußten das ich genug hatte. Von diesem Zeitpunkt an war Schluß. Sylvia war kein Thema mehr.
Wenn ich heute so zurückdenke, dann war mein Verhalten insgesamt schon die Härte. Alles was geschah war logischer Natur. Ich machte mir das Leben selber schwer, schwerer als es hätte sein müssen. Ich muß heute sogar mit dem Kopf schütteln, jetzt wo ich dieses hier so niederschreibe.
Fast 20 Jahre später traf ich sie wieder. Ich hielt mich gerade mit meiner Frau in einem Buchladen auf, als ich ein Regal weiter ging, während meine Frau sich über eine Grabbelkasten mit Büchern her machte.
Als ich mich plötzlich umdreht und meine Frau ansah stand gleich neben ihr Sylvia.
Ich mußte lächeln bei diesem Anblick und dachte nur “Das hat Gott ja vortrefflich eingefädelt”. Nun standen sie vor mir meine beiden Frauen, die Vergangenheit und die Gegenwart. Ich ließ meinen Gefühlen freien Lauf, d.h. ich versuchte zu erfühlen was ich empfand. Und da war nichts mehr, was mich an Sylvia band.
So gingen sie wieder auseinander und ich erzählte meiner Frau auf der Nachhausefahrt von dem Erlebnis.
Es war wichtig, denn so konnte ich ein Kapitel endgültig und frohen Herzens schließen. Gott wußte wie wichtig das war, denn noch oft dachte ich vorher “Was wäre wenn… ?”
Die nächsten Monate konzentrierte ich mich auf die Fachoberschule. 2 Jahre sollte sie dauern und mich auf mein Ziel dem Architekturstudium vorbereiten. Kurz vorher hatte ich die Gelegenheit als Speditionskaufmann eine Lehre zu machen, denn nach einem Eignungstest, den ich mit Bravur bestand, bot man mir diese Lehrstelle an. Ich überlegte lange und sagte dann ab. Es war keine leichte Entscheidung in dem Alter in dem ich noch war, aber ich wollte nicht mein Leben hinter Zahlen und in einem muffigen Büro verbringen. Ich wollte mehr sein, selbstständig sein, reich werden, schöne Häuser bauen.
Das erste Jahr in der Fachoberschule Fachrichtung Architektur brachte mir zunächst einmal schlechte Zensuren. Ich hatte große Schwierigkeiten den angebotenen Lehrstoff zu verstehen und dem Ganzen zu folgen. Zum Ende des ersten Jahres bewarb ich mich um eine Lehrstelle, weil ich mir keine großen Hoffnungen auf bessere Zensuren machte. Doch als die Bewerbungen nicht den erhofften Erfolg brachten, blieb mir nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beißen und auch das zweite Jahr noch zu “packen”.
Und wie das Leben so spielt, scheinbar war ich schon immer ein Spätstarter, ging im zweiten Jahr bei mir im wahrsten Sinne “die Post ab”. Meine Zensuren standen Kopf, meine Lehrer aufgrund Erklärungsnotstand ebenso und am Ende der Fachoberschule hatte ich keine 2-3 Fünfen mehr im Zeugnis, sondern statt dessen einen Notendurchschnitt von 1,7 ! Wieso ? Ich hab keine Ahnung. Wenn`s enge wird und wenn keiner mehr an mich glaubt wird die Welt auf den Kopf gestellt und schon sieht sie eben ganz anders aus.
Während dieser Jahre der Fachoberschule war ich zwischen 17 und 19 Jahre alt. Die Pubertät war vorbei.
Eine Freundin hatte ich keine. Ich meinte zu wissen wie es zwischen Mann und Frau so passiert, aber erfahren hatte ich es bis dato nicht. Ich war ein Stubenhocker. Hatte keine Freunde und ging auch nie aus.
Obwohl, dass ist gar nicht richtig, denn während meiner FOS-Zeit lernte ich Bettina kennen, die mit mir in einer Klasse ging und wir verstanden uns gut. Bettina war ca. 5-10cm größer als ich und auch ca. 10-20 kg schwerer. Sie hatte ein gedrungene Figur mit einem äußerst kurzen Hals, einem leicht runden Rücken und einer völlig unkoordinierten blonden Frisur. Ihr Gesicht war nett und sie selbst sowieso. Wir verstanden uns so gut, dass wir in größeren Mittagspausen sogar ins nebenan befindliche Kino gingen und am helligten Tage bei menschemleeren Kino z.B. “Kampfstern Galactica” schauten. Damals war das was ganz Neues, dass Kinos mehr als nur 2 Lautsprecher hatten und das Kino unter dem Sternengeschwader förmlich mitbebte.
Aber das war nicht der einzige Besuch. Wir gingen immer wieder mal ins Kino, aber eigentlich nur am Tage, meist zur Mittagszeit. Ich fand das toll, denn es war verrückt und das Kino war herrlich leer.
Als die Klasse einen 2 tägigen Trip nach Paris machte beliefen wir Paris mit qualmenden Sohlen. Da die Übernachtung nur im Bus von statten ging, hieß es laufen, laufen und nochmal laufen um möglichst viel von dieser phantastischen Stadt mitzubekommen. Als wir am nächsten Tag mit dem Bus wieder am Hauptbahnhof Bremen ankamen, schleppte ich mich in den Anschlußbus und von der letzten Haltestelle zu Fuß, so gut es ging nach Haus. Ich weiß noch heute, dass ich kaum noch gehen konnte. Meine Füße waren verkrampft und schmerzten tierisch. Ich redete zuhause ankommend auch nicht viel, sondern wollte nur ins Bett. Was dann folgte war der längste Schlaf meines bisherigen Lebens. 17 Stunden schlief ich durch und nach diesem Trip verordente mir mein Orthopäde Schuheinlagen, die ich auch noch heute trage. Zwar nicht die selben, aber ohne geht es nicht mehr. Paris hat mir meine Füße zerstört.
Bettina wurde nicht meine “Freundin”, obwohl sie mir von meinem ältesten Bruder förmlich aufgeredet wurde. Man sollte dabei aber wissen, dass er auf die “stämmigen” Frauen steht. Wenn ich daran denke waren die Tage meiner Geburtstagsfeiern immer ein Graus. 2 Dinge passierten immer. Das eine war ein stetiger Ehekrach zwischen ihm und seiner damaligen Frau, meiner Friseuse und das andere war ein stetiges Aufziehen meinerseits, wann und ob ich denn eigentlich mal eine Freundin finden würde.
Ich schaute irgendwann auf meine Handlinien, mit deren Bedeutung sich Einsame irgendwann immer beschäftigen und erwiderte :”Mit 30 bin ich unter der “Haube”. Was im Übrigen im Nachhinein stimmte.
Und als der Druck meiner Brüder immer stärker wurde, immer an meinen Geburtstagen natürlich, erwiderte ich Ihnen irgendwann, dass ich warten können, denn wenn ich mir ihre Ehen so anschaue, dann ist da nichts was von Vorbild sein könnte. Letztendlich wurden die beiden Ehen meiner Brüder später geschieden.
Und bei der meiner zweitältesten Bruders war ich sogar nicht ganz unbeteiligt.
So zog sich die Phase der Apätpubertät und des Erwachsenwerdens langsam hin. Ich wußte, meine Frau würde blond, schlank und sportlich sein und eines Tages würde ich sie finden.
Wie einfältig man doch als junger Mann doch sein kann.
Es kam natürlich alles anders… und davon später mehr.